Stammtisch-Soziologie
Lob des Authentischen
Alte Freunde haben neuen hauptsächlich das voraus, dass man sich schon viel verziehen hat.
Goethe
Der Stammtisch hat Zukunft. Auch wenn, und vielleicht gerade weil, der Begriff reichlich nach abgestandener Bierseligkeit riecht, hat sich dieses Versammlungsritual einen festen Platz in den mager gewordenen Top-Ten der kollektiven Direkterfahrung erobert. Jeder kennt sie, die tradierten Formen der Geselligkeit um die sich lautstark und vornehmlich Gleichgesinnte scharen. Besonders in den ländlichen Regionen wird die Tradition des Stammtisches kultiviert. In jüngerer Zeit erfreut sich diese Institution nun auch in den städtischen Milieus wachsender Beliebtheit.
Einer davon nennt sich „Sendling-Stammtisch“. Jeden letzten Donnerstag im Monat trifft sich eine illustre Runde von inzwischen in die Jahre Gekommener. Die Versammlungen sind weit mehr als eine bloße Plattform zum geselligen Austausch. Es geht um nichts Geringeres als um die Psychohygiene derjenigen, die voll im Leben stehen und denen der High-End-Kapitalismus schwerer zusetzt, als sie es sich selbst zugestehen mögen. Zumindest verrät der Blick in die Physiognomien, dass der Umbau von Gesellschaft und Wirtschaft nicht spurlos an ihnen vorübergegangen ist.
Alte Freunde
Knapp 10 Jahre ist es her, als der Sendling-Stammtisch aus der Taufe gehoben wurde. Nach dem Run auf Karriere und gesellschaftliche Etablierung ging es zunächst um die Wiederbelebung alter Freundschaften. Inzwischen sind die Zusammenkünfte in die Freizeit integriert frei nach dem Motto: we are what we do. Nirgendwo sonst wird außerfamiliäre Gemeinschaft so zweckfrei und spontan erlebbar wie am Stammtisch. Der Stammtisch spendet Trost und ist zugleich eine wohltuende Alternative zu den Zumutungen des Alltags. Er moduliert die Gefühlswelt und strukturiert die Freizeit, ermöglicht so ein richtiges Leben im falschen - ansonsten ist er Leinwand für alles andere.
Der Verfasser dieses Artikels weiß wovon er spricht, denn er ist selbst Mitglied des Sendling-Stammtisches und richtet, der soziologischen Analyse willen, den Blick von Außen auf das Phänomen. Sein Erkenntnisinteresse lautet: Was hält den Stammtisch im Innersten zusammen? Wer sind seine Akteure? Woher kommen sie und wo wollen sie hin? Und hält der Sendling-Stammtisch, was er verspricht?
Wie der Namen schon sagt, der Stammtisch findet in Sendling statt. Feste Zugangsregeln existieren keine, ungeschriebene durchaus. Man sollte Sendlinger sein, das heißt in Sendling geboren sein oder längere Zeit dort gelebt haben. Wichtiger jedoch als die lokale Herkunft scheint die schulische Sozialisation zu sein. Um am Sendling-Stammtisch Gehör zu finden, muss man sich zum Dunstkreis des Klenze-Gymnasiums zählen können.
Klenze und Sendling, zwei starke Marken, sind die gemeinsame Klammer der Stammtisch-Abende. Mit dem Begriff Klenze verbindet sich weniger die Person des Architekten Leo von Klenze, als vielmehr die Tatsache am drittstrengsten Gymnasium Münchens seine Hochschulreife erworben zu haben - inklusive vorzeitiger Abgänge, entwürdigender Ehrenrunden samt psycho-sozialer Folgeerscheinungen. Die Tortouren der Schulzeit sind in der Individualgeschichte jedes Einzelnen von so einschneidender Prägung, dass ein Aufarbeiten, Deuten und Umdeuten des Erlebten zur Lebensaufgabe wird.
Vergangenheitsbewältigung, den Emotionen freien Lauf lassen, lautet denn auch die Maxime der Freunde. Unter der Dachmarke der gepflegten Geselligkeit gelingt das in der ritualisierten Form des Stammtisches besonders gut, weil er an so vieles erinnert: unlösbare Schulaufgaben, haarsträubende Schulstreiche, pubertäre Entwicklungsschübe ebenso wie das narzisstische Einswerden mit der utopischen Vorstellung von sich selbst.
Stauraum für Geschichte
Die verklärte Rückschau auf Partys, Pausen und Pauker gilt als zentral verbindendes Element des Stammtisches. Weil in der Vergangenheit so vieles war, was heute nicht mehr ist, muss der Stammtisch als Stauraum für Geschichte und Geschichten herhalten, während das Leben draußen radikal und zukunftversessen seinen Tribut fordert. Die Tatsache des gemeinsam gelebten Lebens – auch wenn dieses mit jedem Treffen mehr und mehr zu verblassen scheint - schweißt die „Stammtischler“ zusammen und schafft erst jenes Wir-Gefühl, auf dem das Stammtisch-Ritual basiert.
Was aber verbirgt sich noch, außer den vordergründigen Regressionen und eskapistischen Motiven hinter dem Stammtisch-Phänomen? Klärung verspricht der Blick auf die soziodemografisch relevanten Merkmale der Gruppe.
Die Stammtisch-Brüder, so nennen sie sich selbst im Insider-Jargon, entstammen ausnahmslos den aufstiegsorientierten Mittelschichten, wie sie typisch für die Post-Wirtschaftwunderjahre waren. „Hauptsache Bildung“ lautete die Devise der Eltern. Gymnasium muss sein, schließlich sollen es die Kinder einmal besser haben. Der Rest erledigt sich von alleine.
Die Jahrgänge 1960 bis 1961 sind besonders stark vertreten. Jene Persongruppen also, die den Point-of-no-Return überschritten haben und denen sich heute mit Vehemenz die Sinnfrage auftut. Zwar haben die meisten von Ihnen die Midlife-Crisis mehr oder weniger erfolgreich überwunden – dazu zählt auch die Tatsache, dass viele von ihnen in mehr oder weniger guten Partnerschaften leben - doch hadern sie allesamt mit der Frage, wie es weitergehen soll in ihrem Leben.
Leitmotivisch geht es bei jedem Stammtisch um die Frage, welche Lebensentwürfe die richtigen sind. Mit wechselnder Leidenschaft schwingen sie sich auf zu Mutmaßungen und so-ist-die-Welt-Wahrheiten. Im Bewusstsein der vertanen Ideen und vergangenen Idealen beschleicht sie das Gefühl, dass sie in nicht all zu weiter Ferne von der Gegenwart aussortiert werden um dann endgültig und völlig unsexy bei den Silver-Agern zu landen. Kurz: die Angst vor der Zukunft sitzt tief!
Die Misere der Wirtschaft
Die wirtschaftliche Lage tut ein Übriges, dass alles, die eigene Existenz und der eigene Lebensstil bis ins Kleingedruckte und zur Selbstaufgabe in Frage gestellt wird. Immer wieder kommt es zum Schlagabtausch zwischen den treuen Dienern des auf Profit und Effektivität getrimmten Wirtschaftssystems und den zu-allem-entschlossenen Systemquerulanten-mit-radikalem Gedankengut. Doch längst ist nicht überall Protest drin, wo Potest draufsteht und was als Protest daherkommt.
Neuerdings scheinen unter dem Primat der entfesselten Wirtschaft auch den Hightech-Etablierten und Vistenkarten-Fetischisten eine Menge Optionen weggebrochen zu sein. Waren in der Vergangenheit neoliberale Begründungsmotive vorherrschend, so dürften die Härten der Neuen Zeit nun auch bei ihnen angekommen sein. Kaum einer, der heute noch das Hohelied auf den Kapitalismus anstimmt.
Das Bild ist hier wie da das Gleiche: Lähmende Lethargie. Während die einen in ihrer kapitalismus-depressiven Laune die moralische Keule schwingen, Ackermann & Co aufs schärfste verurteilen, und in ihren apokalyptischen Visionen in das Dunkel unserer Zukunft weisen, herrscht bei den anderen bleierne Resignations-Schwere. Die Misere der Wirtschaft ist ein Dauerbrenner auf allen Stammtisch-Abenden.
Wenig Frauen, viel Männer
In der sozio-demografischen Analyse ist darüber hinaus auffällig, dass das weibliche Geschlecht am Stammtisch deutlich unterrepräsentiert ist. Was dem Macho-Flügel gehörig Auftrieb verleiht. Dass die anwesenden Quotenfrauen sich weder an den verbalen Provokationen männlicher Provenienz stören, noch die ihnen politisch korrekt zustehende Emanzipation einfordern, mag als ein Indiz für die herrschende Toleranz gewertet werden. Umso bemerkenswerter scheint die gemischt-geschlechtliche Kontaktbörsen-Funktion des Stammtisches, die erste Erfolge vorweisen kann.
Semiotisch und im Hinblick auf die alltagsästhetischen Orientierungen betrachtet ist die amorphe Struktur des Sendling-Stammtisches sinnfällig. Es drängt sich der Verdacht auf, dass es, zumindest was die üblichen Etikettierungen angeht, keine wesentlichen Auffälligkeiten gibt. Fast könnte man sagen, dass eine harmlose Durchschnittlichkeit die Zusammensetzung der Stammtisch-Freunde prägt. Die wahren High-Potentials in gut sitzenden Boss-Anzügen weilen in der Hauptstadt mit gut dotiertem Anwaltsjob. Was ist also übrig geblieben von der einstigen Kaderschmiede an der Wackersbergerstraße?
Aufschluss verspricht der Vergleich mit einer ähnlich motivierten Veranstaltung: dem Freundeskreises des Klenze-Gymnasiums. Die Jahrestreffen der Ex-Klenzianer im Hofbräuhaus sind in ihrer erklärten Absicht durchaus identisch mit der Funktion des Sendling-Stammtisches. Allerdings haftet den als Verein organisierten Treffen der Nimbus des Elitären an. Dieser Verdacht bestätigt sich bei der Durchsicht der Mitgliederliste. Erstaunlich oft finden sich dort akademische Titel. Auch Personen der Kategorie „Professor Doktor“ sind vertreten. Allerdings hat diese VIPs mit gesellschaftlichem All-Area-Zugangs-Pass noch niemand wirklich live gesichtet.
Trotz dieses USPs bleibt der Freundeskreis in seiner rituellen Erstarrung und verglichen mit der Dynamik des Sendling-Stammtisches eine eher schwindsüchtige Veranstaltung. Wo der Freundeskreis mit Reden, Laudatio und Preisverleihungen aufwarten kann, herrscht am Sendling-Stammtisch bescheidene Bodenständigkeit. Die Beschwörung des autonomen Authentischen und der ungekünstelten Unkäuflichkeit kann als Platzhalter für die Sehnsucht nach unverstellter Wahrhaftigkeit gewertet werden.
Der Dresscode ist casual
Je weiter die Vergreisung der Stammtisch-Brüder voranschreitet, desto stärker reift die authentische Realness zur alles bestimmenden Handlungsmaxime heran. Ob man hier und da an die kleinbürgerlichen Zeiten anknüpfen will, während draußen der eisige Wind des postmodernen Alltags weht? Niemand weiß es. Zumindest drückt die Bühne der Zusammenkünfte, das bemüht auf rustikal getrimmte „Wirtshaus in Sendling“, jene Mittelmäßigkeit und Heimeligkeit aus, die den passenden Rahmen für die Stammtisch-Abende bildet.
Dringt man tiefer ins Dickicht der Codes und kulturellen Accessoires ein, werden die verdeckten dos und dont’s der Inszenierung sichtbar. Die ästhetischen Vorlieben und Accessoires finden in der Casual-Ware ihren kleinsten gemeinsamen Nenner. Dort wiederum in der Stilfigur des Pullovers. Vom Standpunkt der Selbstinszenierung aus ist weder eine ausgeprägte Bohemisierung - wie man sie etwa zu Studentenzeiten pflegte - auszumachen, noch eine Affinität zu den Insignien der Upper-Class. Der Business-Suite wird allenfalls mit einer ich-hab’-es-nicht-mehr-geschafft-mich-umzuziehen-Begründung geduldet.
Kultur und Stil sowie andere zur Aufwertung der Persönlichkeit eingesetzte Distinktionsmittel spielen am Stammtisch eine untergeordnete Rolle. Vielmehr ist der universelle Quellcode des Wahrhaftigen vorherrschend. Man kommt wie man ist, denn am Stammtisch darf jeder er selbst sein. Die deutliche Tendenz zur Bodenhaftung spiegelt sich auch in den vorhandenen Rollenmustern nieder.
Stenz oder Rebell? - eineTypologie
Da gibt es einmal die wortgewaltigen Führer vom Typus des unverbesserlichen Stenzen. Sie scheuen sich nicht ihre Aufriss-Touren durch das Schwabing vergangener Tage in einer Art Endlos-Loop zum Besten zu geben. Bezeichnenderweise zählen die post-pubertären Sprücheklopfer zu den Gründungsmitgliedern beziehungsweise zur Aktivszene des Stammtisches. In ihrem unersättlichen Drang nach Anerkennung und sexueller Befriedung dürfen sie als die treibende Kraft des Stammtisches bezeichnet werden. Allerdings wurde das Spektakel um die Details der wilden Jahre schon mal überzeugender aufgeführt. Anders gesagt: der Lack ist ab.
Durchmischt wird diese hormongesteuerte Spezies von den auf den Boden der Tatsachen niedergeschmetterten Karrieristen. Während dieser vorgibt, beruflich eine Top-Performance zu liefern, ist er im Privaten, wie übrigens auch mental, auf Neuorientierungskurs. Neben den wohin-fahre-ich-als nächstes-in-den-Urlaub-Fragen ist er vorrangig damit beschäftigt, die aus dem Börsencrash entstanden Verluste zu kompensieren. Schließlich müssen die Kredite für die viel zu teuer erstandene Eigentumswohnung zurückgezahlt werden. Der Handlungsspielraum ist eng.
Die mit Abstand größte Gruppe stellt der allensbach Durchschnitts-Normalo dar, mit Arbeitgeber Versicherung oder Staatsdienst. Milieuspezifisch ist diese Gruppe der Bürgerlichen Mitte zugehörig. Diese repräsentiert qua Definition Personen der mittleren Mittelschicht ohne eine ausgeprägte Tendenz zum Konsum-Hedonismus. In brillanter Weise schaffen sie es immer wieder ihrer unspektakulären Existenz im Camouflage Outfit des Angestellten-Daseins einen unauffälligen Ausdruck zu verleihen, indem sie nichts, aber auch gar nichts an Innovationskraft aufbringen.
Ein eher seltener Stammtisch Gast ist der bourgeoise Bohemien. Jene hybride Gestalt, die sich aus den Idealen der Gegenkultur und bourgeoisem Gewinnstreben zusammensetzt. Die von ihm verfochtene Symbiose aus Kreativität und Kapital gipfelt in der schillernden Figur des Medienschaffenden. Devise: We love to entertain you. Er taucht immer dann auf, wenn ein Mehrwert für das eigene Selbstverständnis herausspringt. Ansonsten geht er lieber auf Distanz, damit seine empfindliche Existenz ja keine Kratzer erfährt.
Schließlich gibt es noch den dahindümpelnden Freiberufler. Er gibt das lebende Sample des modernen Outlaws ab und gehört der Klasse der Privileged Poor an. Bewusst oder unbewusst und immer a-little-bit-grungy unterwegs verkörpert er die vermeintliche Künstlerexistenz, stets den frei flottierenden Gedanken frönend und bar jeglicher Management-Skills. Als Crash-Test-Dummy der Neuen Zeit und den unabdingbaren Zwängen seines Kleinstunternehmertums ausgeliefert darf er getrost zu den Modernisierungsverlieren gezählt werden.
Die Luft ist raus
War diese Entwicklung bereits zu Kollegstufenzeiten absehbar? Das steht zu befürchten. Mit Fug und Recht kann behauptet werden, dass alle Stammtischler genau die Rolle verkörpern, die sie schon zu Schulzeiten gespielt haben. Nur mit dem Unterschied, dass die Rollen heute gefestigter denn je erscheinen. Kaum Chancen auf Veränderung.
Da sich niemand der Anwesenden um ein inhaltliches oder marketingtechnisches Update gekümmert hat, bleiben sie in ihren Haltungen und festgefahrenen Gesprächsmustern gefangen. Was dann dabei herauskommt ist die gängige Melange aus schlauen Sprüchen und heißer Luft, die den Zündstoff für die typischen Stammtisch-Kontroversen liefert. In der Wirkung bleibt dies immer folgenlos. Fast könnte man von einer Sabine-Christiansenisierung der Stammtisch-Diskurse sprechen.
Wo die eigenen Standpunkte keiner Überprüfbarkeit unterliegen und allenorts das zwanglose Palaver regiert, bleibt nichts als die reine Beliebigkeit übrig, die sich - wen wundert es - zur fortgeschrittener Stund in bierseeligen Bekundungen auflöst. Das ist es, was der Sendling-Stammtisch mit allen anderen Stammtischen gemeinsam hat: Die versatzstück- und endlosscheifenartige Kommunikation der selbst ernannten Experten des Politischen, der so-ist.es-und-nicht-anders-Spezialisten, die meinen einem sagen zu müssen, worum die Welt sich dreht und wohin die Reise geht.
Der Außenstehende mag dem Stammtisch deshalb zu einer Frischzellenkur raten. Eine neue Diskurskultur könne nur dann entstehen, wenn hin und wieder ein Tag der offenen Tür für Interessierte eingerichtet werden würde. Andernfalls, so die Befürchtungen, droht die Veranstaltung, ähnlich wie wir es von großen Wiederkäuersystemen kennen, in den immer wieder gleichen und in sich geschlossen Zirkeln zu ersticken. Die Leerstellen im eigenen und kollektiven System werden besonders dann evident, wenn sich größere Lücken zwischen Anspruch und Wirklichkeit auftun.
Suche nach Identität
Was die Stammtischbrüder als Kollektiv umtreibt ist die Suche nach den gemeinsamen Wurzeln. Für diese Zwecke wird seit einiger Zeit das Internet instrumentalisiert. Durch die Manifestation im virtuellen Raum erweitert der Stammtisch seinen Wirkungskreis. Die durchaus professionell gestaltete Homepage www.Sendling-Stammtisch.de entpuppt sich jedoch bei genauerem Hinsehen als loses Sammelsurium aus Terminankündigungen, Urlaubsreminiszenzen und anderen Selbstbeweihräucherungen.
Die handgestrickten Beiträge fallen, je nach Dringlichkeit und Tagesform der Autoren, unterschiedlich aus. Beträge nach dem Motto Hallo-da-bin-ich-aus- Frankreich-und-das-ist-meine-süße-Tochter stellen sich als dumpfe Mogelpackung heraus. In ihrer Belanglosigkeit spülen sie eine verharmlosende Gefühlsduselei an die Oberfläche, die der gemeinsamen Sache nicht würdig ist. Unbeeindruckt davon bastelt man emsig weiter am Retro-Sampling und an einem künstlichen selbstreferenziellen System, ausgedacht und miterschaffen vom selbsternannten Stammtisch-Präsidenten. Funktional gesehen, dient die Homepage mehr als Ankündigungsplattform als der Identitätsfindung.
Stammtische brauchen den realen Raum, die reale Umgebung, die lautstarke Unterhaltung in der dunstgeschwängerten Luft des Wirtshauses samt den einschlägigen Begrüßungsritualen. Zum zentralen Nervensystem des Stammtisches gehören schließlich auch die lokalen Bezügen nach der Devise: think global and act local. Die meisten „Stammtischler“ definieren sich über ihr lokale Herkunft und das ist am Sendling-Stammtisch nun mal Sendling.
Allein der Klang des Wortes verströmt eine heimatliche Atmosphäre. Die Siedlung, einst ein Kuhdorf vor den Toren München, zählt heute zur Suburbia der Landeshauptstadt. Stolz und selbstbewusst geben und gaben sich die Sendlinger. Dazu haben sie allen Grund, denn sie blicken auf eine wechselvolle Geschichte zurück.
Wir sind Sendling
In jüngerer Zeit macht sogar die Rede vom In-Viertel die Runde. Wie kein anderes Stadtviertel in München profitiert Sendling vom typischen Multikulti-Flair der Großmarkhalle, mit den angrenzenden Stehausschänken, den italienischen Kaffeebars und den türkischen Gemüsehändlern. Entgegen anders lautenden Behauptungen war das Stadtviertel bereits lange vor dem Kopftuchstreit globalisiert. Es bezieht seine ungebremste Vitalität daraus und läuft den üblicherweise gehypten Stadtvierteln allmählich den Rang ab.
Vor dieser Folie ist das plötzlich aufflammende Interesse um die historischen Geschehnisse am Sendlinger Berg zu interpretieren. Unter dem Eindruck der 300-Jahr-Feierlichkeiten zur Sendlinger Mordweihnacht besinnt man sich der Bedeutung des Ortes. Mehr noch: Sendlinger zu sein, das bedeutet sich als Teil der Weltgeschichte zu erfahren. Was in der Folge dazu führte, das sich das Stammtisch-Kollektiv gemeinsam zur Aufführung eines rührseligen Bauernstückes begab, nach Kochel nämlich, da wo die Sendlinger Bauernschlacht angeblich ihren Ausgang nahm.
Der Mythos des Schmied von Kochels - jenes Patrioten und Helden, der für Mut, Stärke und Gerechtigkeit ebenso steht wie für den gnadenlosen Untergang - wird als Leitfigur der Stammtisch-Freunde dankbar angenommen. Er taucht sogar im offiziellen Stammtisch-Logo auf. Der Schmied als tapferer Held taugt als Projektionsfläche umso mehr, als er auf die verstörende Tatsache verweist, dass man auf so blutgetränktem Boden groß geworden ist. Die Bilder vom grauenvollen Gemetzel in der Mordweihnacht anno 1705 haften fest im kollektiven Gedächtnis -und wollen dort auch bearbeitet werden .
Während für die einen die Sendlinger-Bauernschlacht als kollektive Utopie vom gerechten Kampf herhält, riechen für die anderen die blutrünstigen Überlieferungen nach einem schlechten Fake. Um dem Mythenausverkauf nicht weiter Vorschub zu leisten, ebbte das Interesse an der Bauernschlacht so schnell wieder ab wie es entstand. Was übrig bleibt ist die dahinter stehende kollektive und identitätsstiftende Erfahrung, die in der Botschaft mündet: Wir sind Sendling! Ohne dieses Bekenntnis wäre der Sendling-Stammtisch nicht das, was er stets vorzugeben versucht: immer wichtig zu sein, mindestens aber tonangebend.
Zusammenfassend kann Folgendes festgehalten werden: Der Stammtisch als Parallelwelt und Medium der Vergesellschaftung ist vor allem deshalb so erfolgreich, weil er Sinn produziert und die sozialen Interaktionen über alle Milieus und Lebensstilorientierungen am Laufen hält. In dieser Funktion ist der Stammtisch ein Gegenmodell zur fortschreitenden Individualisierung und Atomisierung der Gesellschaft. Als soziales Bindemittel schafft er es in vorzüglicher Weise alle Mitglieder dauerhaft anschlussfähig zu halten.
Gemeinsame Wurzeln pflegen, sich an der zwanglose Interaktion und der temporären Entkomplizierung des Lebens erfreuen, das ist die Kernbotschaft im Glaubensbekenntnis der Stammtisch-Freunde. Gerade in der Beständigkeit der Institution zeigt sich die Dringlichkeit der Sehnsucht nach reiner Unmittelbarkeit und authentischer Unverstelltheit. Wo sich das moderne Ich durch ein Dickicht an Oberflächen und Medienwahrheiten schlagen muss, wird das Bedürfnis nach Zugehörigkeit besonders groß.
Der Stammtisch ist Fluchtpunkt und Anker zugleich im unübersehbaren Meer der Möglichkeiten. Er reduziert nicht nur Komplexität in der als zunehmend anstrengend empfundenen Multioptionsgesellschaft, sondern stellt gleichzeitig ein wohltuendes Auffangbecken dar: für gelebtes wie für ungelebtes Leben. Nirgendwo sonst gelingt es besser, sich am kollektiven Lagerfeuer der Gemeinschaft zu wärmen als am Stammtisch.
München, den 4. April 2006
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