Alles Banane
Wer sich Alternativ-Tourist schimpft kommt an La Gomera nicht vorbei. Die Insel steht wie keine andere für den Selbst-Verwirklichungs-Trip der anderen Art: Freie Liebe, durchgeknallte Gurus und intellektuell angehauchte Kurzurlauber auf Sinn- und sonstiger Suche. Grund genug für Christian und Wolfgang um sich auf den Weg in den fernen Atlantik zu machen.
Auf dem Foto in Der Zeit war eine schöne Frau mit Kinderwagen und Palme zu sehen. „Gomera - Insel der Singlefrauen“ stand darunter. Mein Puls begann sofort höher zu schlagen, denn das Bild versprach leichte Beute. Der Artikel schwärmte vom Aussteigerparadies, erzählte von lebensfrohen Hippies, ausschweifenden Parties und einem Leben im Laissez-Faire-Stil. Meinen Freund Christian brauchte ich nicht lange zu überreden. Reif für die Insel waren wir sowieso.
Unser erster Eindruck war überwältigend. Schroffe, steil ins Meer abfallende Berge, tief-schwarze Sandstrände, dazu eine sagenhafte Vegetation. Das ganze
Valle Gran Rey
an der zerklüfteten Westküste entpuppte sich als eine einzige tropische Augenweide: Palmen und Bananenstauden so weit das Auge reichte. Doch wir wollten mehr als nur Bananen.
Es war kein Zufall, dass wir diese Trauminsel quasi auf dem Scheitelpunkt unseres Singledaseins besuchten. Gleich am ersten Abend sondierten wir die Lage und wurden in der Cactua-Bar fündig. Schon am Eingang sprang uns der eklatante Frauenüberschuss ins Gesicht. Auf den deutschen Qualitäts-Journalismus war eben Verlass. Die Stimmung war aufgeladen an jenem Abend. Und das koloniale Ambiente der Bar verströmte ein lässiges Cuba-Feeling.
Begegnung mit Folgen
Kaum nippten wir an unserer Pinacolada, da gesellte sich eine dunkelblonde Deutsche hinzu. Eine Anwältin aus München, wie sich herausstellte, namens Christine. Wir flirteten den ganzen Abend aus vollen Rohren und verabredeten uns lose für den nächsten Tag. Was kein Problem war, denn die Insel schien klein und Termine waren tabu auf Gomera.
Unsere Aktivitäten bestanden aus Abhängen, über Gott und die Welt philosophieren, Caffe-con-Leche trinken und Nacktbaden im tosenden Atlantik.
Am Abend spazierten wir in Shorts und Badelatschen durch den nahegelegenen und völlig zugemüllten Ort
Vueltas. Es gab dort merkwürdig verblichene Häuser, vor sich hin rostenden Autowracks neben Cola-Automaten auf staubigen Strassen. Die ganze Szenerie sah aus wie eine Location in einem Wim Wenders Film. Zugegeben, ich mag solche morbiden Orte - und Wim Wenders sowieso.
Wir genossen unser Inseldasein in vollen Zügen. Und gaben uns dabei reichlich Mühe den örtlichen Inselgepflogenheiten anzupassen. Christian hatte seine peinlichsten T-Shirts in den Rucksack gepackt. Jedenfalls sah man ihm seine Vereinsbank Herkunft - damals noch ohne Hypo – gar nicht an. Ich konnte mit meiner zerfetzten Jeans aus Club-Thomas-Zeiten punkten. Keine Frage: rein äußerlich wurden wir zu den ganz normalen Insel-Hippies gezählt.
Nur unser vier Sterne Appartment, in direkter Meerlage, wollte nicht so recht zu unserem nonkonformistisches Outfit passen. Immer Spät-Nachmittags, kurz vor Sonnenuntergang, versackten wir auf unserer Terrasse tief in unseren Liegestühlen und pflegten dabei unsere intellektuelle Diskurse - die immer auf höchstem Niveau waren. Dort, auf Gomera, wurde ich erstmals vom Gerhard-Schulze-Virus befallen. Nur soviel: mit einer Tropenkrankheit hat dies nichts zu tun. Mit Erleuchtung hingegen viel!
Mit soviel intellektuellem Flair konnten wir andernorts gut Eindruck schinden. Jedenfalls dackelten uns ständig zwei fränkisch sprechende Intensiv-Krankenschwestern hinterher, an deren Namen ich mich beim besten Willen nicht erinnern kann. Eines Tages hatten sie uns in ihre drittklassige Unterkunft zum Abendessen gelockt. Es gab Miracoli-Spaghetti mit Tomatensoße. Christian war in dieser Sache engagierter als ich.
Was sich dann in der Folge im Swimmingpool auf unserem Dach abspielte, weiß nur der liebe Gott.
Gleichwohl waren wir beide scharf auf Christine, die sich als viel sperriger als zunächst angenommen herausstellte. Eine leichte Eroberung war sie zumindest nicht. Ausgerechnet an einem besonders schwülen Tag ließen wir uns zu einer mörderischen Wanderung mit ihr hinreißen. Missmutig tappten wir in brütender Hitze die Serpentinen den Berg hinauf. Schweißnass, und die Beine von den stacheligen Kakteen blutig geschürft, verloren wir sowohl den Weg als auch Orientierung und Verstand. Ein trügerischer Pfad am Rande des Felsens, der lediglich aus Pflanzenwurzeln und Gestrüpp bestand, und unter dem sich 200 Meter absolut nichts befand – das ist heute noch Bestandteil jedes unserer Alpträume...
Film im Kopf
Vom Anblick der steilen Abhänge und der tropfnassen Christine völlig schwindelig ließen wir uns zu einer Rast nieder. Jetzt oder nie, hatte sich jeder von uns insgeheim gesagt, und in unserer beiden Köpfe spielte sich heftiges Kopfkino ab. Es lief – wen wundert’s – just derselbe Film! Hier oben, im Niemandsland, zwischen Gestrüpp, und im Angesicht des Todes, das wäre
die
Chance gewesen. Doch bis zum finalen Show-Down sollte es noch dauern.
Derweilen beschäftigten wir uns mit dem Valle-Booten, einer von Deutschen herausgegeben Zeitung, die im aufschlussreichen Untertitel „Unabhängig, überparteilich, abgedreht“ stehen hat. „Erscheinungsweise nach Bock- und Wetterlage“. Die Zeitung – herausgegeben von dem heute noch aktiven Capitano Claudio - war nach unserem Geschmack und lieferte viel Stoff in Form von Insel-Mythen, die unter den schrägen Vögeln und sonstige Kaputniks kursierten.
Je länger wir in Gomera waren, desto mehr zweifelten wir an unserer bürgerlichen Existenz. Unser unbedingter Drang, etwas erleben zu wollen, gepaart mit journalistischer Neugierde, trieb uns schließlich in die Schweinebucht. Jenen sagenumwobenen Platz, von dem die ganze Welt sprach. Doch die Bucht mit ihrem faden Kieselstrand erwies sich als Flop. Außer ein paar verlauster Alt-Freaks, die dort in den Höhlen zum Nulltarif überwinterten, war dort nichts Aufregendes. Keine Exzesse jedenfalls. Die fanden wir anderswo.
In einem Ort namens Argayall. Dort saßen langbärtige Männer im Lotussitz herum. Umschwirrt von Mädels in gebatikten Gewändern. Sie nannten sich „Kinder der Lichts“. Wir zögerten nicht lange und wagten uns in die Höhle des Löwen vor, drangen in das hermetisch abgeriegelte Areal ein – den blühenden Garten einer aufgelassenen Finca, der von Baghwan-Anhängern bevölkert wurde. Auffällig war, dass die Mädels durch die Bank sehr hübsch waren.
Barfuss in Extase
Durch die flüchtigen Blicke und die brütende Hitze erotisiert, nahmen wir spontan an einer Kundalini-Meditation teil. Wir fanden uns in einem zeltartigen Bau wieder und tanzten uns - am hellichten Tag – barfuss, und als einzige männliche Wesen, mit den schönen Baghwan-Frauen in Extase. Diese stöhnten und schwitzen und zuckten, was das Zeug hielt. Dabei schossen mir die Bilder der Otto-Mühl-Sekte in den Kopf, die in früheren Jahren auf La Gomera eine Depandance unterhielten.
Die Mühl-Leute waren zu dieser Zeit das lebende Gegenmodell zur bürgerlichen Ehe. Über computergesteuerten Beischlaflisten hatten sie das Dauerproblem der Sexualität gelöst. Als Soziologiestudent, und auch von Berufswegen, hatte ich mich mit den Mühlis bereits beschäftigt. Nun sah ich mich plötzlich mittendrin in den seltsamen Ritualen. Die Schüttelmeditation fand ich super, auch wenn ich mein Lachen kaum unterdrücken konnte. Denn mein gleichgeschlechtliches Gegenüber sah mit seinen Verrenkungen aus wie eine Heuschrecke auf Drogen.
Auf Gomera sei eben der „Normale beknackt und der Beknackte normal“, so stand es jedenfalls im Valle-Boten. Wir mussten allerdings erkennen, dass dieser esoterische Firlefanz nicht unser Ding war. Also suchten wir lieber in der Dorfdisco Quasimodo unser Glück. Der Laden, dessen Markenzeichen ein penetranter Gestank nach Putzmittel war, schien das Round-Up der Insel zu sein. Aus den Boxen dröhnte „Two Princes“ und wir rockten bis in die Morgenstunden zusammen mit vielen appetitlichen Hippiefrauen.
Bei mir hat es sofort gefunkt. Sie war der Typ Sozialpädagogin, schätzungsweise aus dem Ruhrgebiet stammend, auf die ich damals so abgefahren bin. Ihre natürliche Schönheit lähmte mich. In meiner Schüchternheit fühlte ich mich in das Tertiär von Valley-Freizeitheimparties zurückgebeamt. Ich nannte sie einfach Bottrop und nervte fortan meinen Reisebegleiter mit meinen pubertären Schwärmereien.
Korb in der Disco
Es dauerte ganze drei Abende bis ich die Bottrop ansprach. Zu meiner Verwunderung stammte die Angebetete tatsächlich aus dem Ruhrgebiet und war zudem auch noch Sozialpädagogin. Ich staunte nicht schlecht über meine hellseherischen Fähigkeiten. Doch zu meinem Leidwesen lief da so was von gar nix, dass ich ernsthaft die Option der fränkischen Krankenschwestern erwog.
Bevor es dazu kam, lief uns wieder Christine über den Weg, die sich, ganz zu unserer Verwunderung, nun mit anderen Inselplatzhirschen tummelte. Nicht unnüchtern gab sie zu uns verstehen, dass sie gerne mit wilden Jungs unterwegs sei und hielt uns dabei ein Foto mit reichlich tätowierten Proll-Bekanntschaften vom letzten Jahr unter die Nase. Hatten wir womöglich was verpasst?
Wir empfanden den Vorgang als Provokation. Vollgepumpt mit Testosteron gaben wir nochmals alles. Schließlich würde dieser Urlaub nicht ewig dauern.
Als wir uns endgültig die Zähne an dieser auf Urheberrecht spezialisierten Inselschönheit auszubeißen glaubten, hatten wir es eines Nachts doch bis in ihr Schlafgemach, hochoben im Bergdorf Calera, geschafft. Dass Juristinnen hoch hinaus wollen, war uns mittlerweile klar. Gerade deshalb hatten wir uns ja Chancen ausgerechnet. Wer aber sollte das Rennen nun machen? Der T-Shirt oder der Flicken-Jeans-Freak?
Freundschaft zählt
Wir saßen bei Kerzenschein zu dritt auf ihrem Bett, beobachteten den Sternenhimmel, lauschten den zirpenden Grillen und sprachen das, was man in solchen Situationen immer spricht. Dann passierte es: NICHTS. Die Rechnung konnte nicht aufgehen. Als alte Freunde und Klenzianer, wie wir nun mal sind, waren wir uns einig. Uns gab’s nur im Doppelpack! Unvorstellbar, wenn einer von uns das Rennen gemacht hätte. Die Stammtisch-Ehre wäre bis in die Ewigkeit beschädigt gewesen. Und so wurde wieder nix aus Christine.
So vergingen die fiebrig schönen Tage auf Gomera, zwischen Frauen, Büchern und Bananen. Dann war dieser Traumurlaub zu Ende. Das Schicksal wollte es, dass ich ein paar Jahre später die blonde Anwältin wieder traf. Ausgerechnet im sterilen Neonambiente des Münchner Flughafens. Zu dumm nur und völlig Banane, dass ich gerade nach London zu einer Teleshopping-Konferenz unterwegs war. Auf ein überraschtes „Hallo“ folgte ein gekünsteltes „Wie-schön-war-es-doch-auf-der-Insel“.
Als die Urlaubsbekanntschaft mich so im Anzug und mit meinen Begleitern sah, krachte binnen Sekunden das mühsam aufgebaute Bild des hippen Outlaws zusammen. Teleshopping, mein Gott, wie tief konnte ich nur sinken. Kein Kopfkino mehr, keine Ideale, kein Kundalini und auch kein brausender Atlantik - nur das leise Surren der Rolltreppe und die lüsternen Blicke meiner Kollegen. Mit einem kurzen „Tschüss dann“ verschwand die Schöne für ewig im grellen Neonlicht.
Heute erscheint mir dieser erste Gomera-Urlaub mit Christian wie ein Traum. Weit weg und doch so nah. Es zog mich in der Folge noch oft auf die Insel. Und immer spielten dabei Frauen eine Rolle. Zum Schluss meine eigene.